Fachunabhängiges, Unterrichtsmaterialien und -methoden
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Als wir vor ein paar Monaten auf Instagram über ein politisches Brettspiel gestolpert sind, waren wir sofort neugierig. Robert und ich waren beide Politiklehrkräfte, wir lesen Wahlprogramme, verfolgen politische Debatten auf dem Laptop und suchen ständig nach Formaten, die mehr können als nur Inhalte abfragen. Das Spiel hieß „Das politische Talent“ und schon die Aufmachung ließ erkennen, dass Politik hier bewusst anders und spielerisch gedacht ist. Wir haben Lukas Huemer, den Entwickler des Spiels, angeschrieben. Aus ein paar Nachrichten wurde ein längeres Gespräch und wenig später lag das Spiel bei uns auf dem Tisch.
Inhalt:
Das politische Talent ist kein klassisches Lernspiel. Man spielt keine Quizfragen durch und sammelt keine Punkte für richtige Antworten. Stattdessen bildet es in vereinfachter Form politische Prozesse im Bundestag ab, in dem jede Person oder jedes Team eine eigene Partei übernimmt. Es gibt Kandidatinnen und Kandidaten, ein Parlament mit Sitzverteilung, Wahlkämpfe, Koalitionen und Regierungsämter. Ziel ist es, politische Macht zu gewinnen und diese in Siegpunkte zu verwandeln.
Eine Spielrunde beginnt mit einem Wahlkampf. Die Kandidaten treten gegeneinander an, unterstützt durch Themenkarten, Kampagnenwerte und auch durch Würfelglück. Danach werden die Sitze im Parlament neu verteilt. Wer genug Sitze hat, kann an der Regierung mitwirken. Jetzt beginnt der eigentliche politische Teil. Es wird verhandelt, wer das Kanzleramt bekommt, wer ein Ministerium übernimmt und welche Koalition überhaupt zustande kommt. In den folgenden Spiel-Runden können dann Wahlversprechen eingelöst, Skandale ausgelöst oder politische Themen verändert werden. Viele Entscheidungen funktionieren nur, wenn die Mehrheit der Mitspielenden zustimmt.
Wer vorab noch genauer wissen möchte, wie das Spiel funktioniert, kann in der Spielanleitung auf der Website einen sehr guten Einblick bekommen:



Was uns von der ersten Sekunde an überzeugt hat, ist die Dynamik am Tisch. Niemand kann einfach sein eigenes Spiel spielen. Man muss zuhören, überzeugen, Kompromisse eingehen oder auch bewusst blockieren. Genau diese Prozesse sind es, die in politischen Systemen oft abstrakt bleiben. Im Spiel werden sie greifbarer. Dass die Kandidatennamen humorvolle Anspielungen auf reale Politiker sind, nimmt dem Ganzen die Schwere, ohne es ins Lächerliche zu ziehen. Wenn dann Figuren wie Olaf Schmalz, Ricarda Kurz oder Friedrich Schmerz über das Spielfeld ziehen, schmunzeln selbst die, die sonst mit Politik wenig anfangen können.
Im Gespräch mit Lukas wurde schnell klar, dass dieses Spiel nicht aus einem Verlagshaus heraus entstanden ist. Die Idee kam ihm, weil er selbst gern Brettspiele spielt und sich für Politik interessiert. Ein Spiel, das Wahlkampf und parlamentarische Arbeit verbindet, gab es seiner Meinung nach nicht. Also hat er angefangen, selbst daran zu tüfteln. Zuerst jedoch nur für Freunde und Familie.
Die erste richtige Entwicklungsphase begann 2023. Der Weg zur Veröffentlichung war schwierig. Verlage wollten sich nicht auf das Thema Politik einlassen. Auch vom Eigenverlag wurde ihm abgeraten. Trotzdem blieb Lukas überzeugt, dass das Spiel funktionieren würde. Eine Crowdfunding Kampagne scheiterte, aber das viele positive Feedback brachte ihn dazu, die Produktion selbst zu finanzieren. 2024 erschien die österreichische Version, 2025 folgte die deutsche Ausgabe. Von uns gibt es an dieser Stelle einen fetten Daumen nach oben für so viel Eigenmotivation und Durchhaltevermögen!
Im Unterricht stellt sich schnell die Frage, wie ein Spiel, das ursprünglich für kleinere Gruppen gedacht ist, mit einer ganzen Klasse funktionieren kann. Das politische Talent ist offiziell für drei bis sechs Personen ausgelegt, lässt sich aber flexibel an unterschiedliche Lerngruppen anpassen. In der Praxis bedeutet das: Wer mit einer ganzen Klasse gleichzeitig spielen möchte, benötigt in der Regel mehrere Spiele, was bei der Planung (und dem Budget) mitgedacht werden sollte.
Auch der Einstieg ins Spiel braucht beim ersten Durchgang etwas Zeit. Die Anleitung ist gut verständlich; dennoch dauert es, bis alle Abläufe klar sind, der Tisch aufgebaut ist und die benötigten Karten bereitliegen. Unser Ratschlag für den schulischen Einsatz: Die Einführungsphase bewusst zu begleiten, zum Beispiel mit einer kurzen PowerPoint-Präsentation. So kann der Aufbau Schritt für Schritt gemeinsam erfolgen, Regeln werden für alle sichtbar erklärt und aufkommende Fragen können direkt besprochen werden. Das entlastet den Spielstart spürbar und sorgt dafür, dass anschließend der Fokus auf dem eigentlichen Ziel liegt: Spielen! =)
Je nach Ziel und Rahmen lassen sich anschließend unterschiedliche Modelle nutzen:
Gerade wenn man mehrere Exemplare braucht, etwa um mit einer ganzen Klasse oder mehreren Gruppen parallel zu spielen, lohnt sich der Blick auf schulische Finanzierungsmöglichkeiten. In vielen Schulen werden solche Materialien über Fachschaften, Projektmittel, Fördervereine oder Programme zur politischen Bildung angeschafft, ähnlich wie bei Planspielen oder Klassensätzen. Manchmal reicht eine einfache Nachfrage an der eigenen Schule, ob so ein Spiel Platz im Materialbestand finden kann und ob die Budget-Fee ihr OK gibt.
Nach dem Spielen lohnt es sich, gemeinsam einen Schritt zurückzutreten und das Erlebte einzuordnen. Das Spielsystem bietet dafür verschiedenste Ansatzpunkte. 5 davon haben wir euch hier zusammengestellt:
Politische Bildung funktioniert am besten, wenn Politik nicht nur erklärt, sondern erlebt wird.
Viele Schülerinnen und Schüler kennen Parlamente, Wahlen und Koalitionen aus dem Schulbuch oder aus den Nachrichten. Was dabei oft fehlt, ist das Gefühl dafür, wie chaotisch, zufällig und gleichzeitig strategisch Politik wirklich ist. Dass Mehrheiten nicht einfach da sind, sondern ausgehandelt werden und dass manchmal auch einfach das Timing stimmen muss. Spiele wie „Das politische Talent“ schaffen genau diesen Erfahrungsraum. Plötzlich geht es nicht mehr nur um Meinungen, sondern darum, andere zu überzeugen, Bündnisse zu schmieden, Risiken einzugehen oder mit Rückschlägen umzugehen. Das Spiel vereinfacht Politik dort, wo sie sonst unübersichtlich wäre, zeigt aber gleichzeitig sehr klar, wie eng Macht, Themen und Interessen miteinander verwoben sind.
Gerade weil politische Debatten heute oft laut und schwer einzuordnen sind, helfen solche Formate dabei, Ordnung in das Durcheinander zu bringen.
Ganz ehrlich, was kann es Besseres geben, als im Unterricht ein cooles Spiel zu spielen und dabei ganz nebenbei Politik verständlicher zu machen?!